platzDADA!
platzDADA!
Pago Libre Sextett featuring Agnes Heginger (voc) und Patrice Heral (perc, voc) - platzDADA!
ausgezeichnet mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2009!
pago libre sextett
arp – schwitters – charms
pago libre sextett:
Agnes Heginger – Gesang
Tscho Theissing – Violine, Stimme
Arkady Shilkloper – Horn, Flügelhorn, Alphorn, Stimme
John Wolf Brennan – Klavier, Stimme
Georg Breinschmid – Kontrabass, Stimme
Patrice Héral – Schlagzeug, Stimme
Absurde Poesie, kongenial zum Klingen gebracht: das europäische Top-Ensemble PAGO LIBRE vertont skurrile Meisterwerke von drei zentralen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Das internationale Ensemble PAGO LIBRE gehört seit vielen Jahren zu den interessantesten Musikgruppen Europas - die Musiker des Sextetts stammen aus der Schweiz, aus Österreich, Irland, Russland und Frankreich. Ihre Musik verarbeitet Einflüsse aus verschiedensten Volksmusiken und aus dem Jazz genauso wie E-Musik-, Hip Hop- und Improvisations-elemente, nicht ohne eine gehörige Portion Virtuosität und Humor. Alle Ensemble-Mitglieder agieren gleichermaßen als Instrumentalisten, Sänger und Sprecher; dadurch erreichen sie eine gegenseitige Durchdringung von Musik und Literatur, die dieses opulente Hörbuch zu einem einzigartigen Erlebnis macht.
Foto: Nancy Horowitz
« Meine süße Puppe - mit ist alles schnuppe - wenn ich meine Schnauze -auf die Deine bautze" - Lenin pfeift im Frühling 1916 in der Küche beim Abwaschen zu der Melodie, die just 92 Jahre später erfunden werden wird, den Text gibt es gerade frisch. Am Telefon bejaht er die auf ihn einbrechenden Stimmen: "Da Da Da Da" in seiner russischen Sprache, Dadaismus? Lenin? Never! Und dann legt die Band los und sie ist nicht mehr zu bremsen, zum Glück erfinden Pago Libre keine Autos, was wäre das für ein ungezügeltes Rasen!
Platz Dada! ist ein, ja, verrücktes, und dabei exzellent grandioses Stück Musik, das so frei und lebhaft erdacht, arrangiert, eingespielt und aufgenommen worden ist, dass nichts bleibt, als die Klänge samt ihren gaga, nein dadapoetischen Gesängen offensinnig zu genießen. 74 Minuten der reinste Unsinn. Unsinn? Die Fake Folk Fake Jazz Fake Klassik Kapelle mit dem ganz besonderen Tiefsinn für, noch mal, verrückte, grandios verrückte Klänge, beweist seine radikale Vorliebe für dadaistische Poesie in seiner parallel dazu erdachten, wohl nicht weniger dadaistischen Musiksprache.
`Absurde Poesie aus den 20er Jahre mit Musik von heute` steht auf dem Cover und steckt in den unmöglich ausgedachten Songs. Nichts ist unmöglich. Nichts undenkbar. Die Texte stammen aus den Federn von Hans Arp, Kurt Schwitters und Daniil Charms, in der Bearbeitung der Bandmusiker, einige neue Texte hat die Band selbst, beziehungsweise haben ihre Mitglieder geschrieben, etwa "A klanes Brabitschek".
Wunderbar die Abwechslung von instrumentalen und Sprechstücken. Nach dem fast bombastischen "Uhrmusik: Sekundenzeiger" folgt das unglaublich arrangierte, schlicht herrliche "Weltwunder". Wie die Musikerstimmen sich die Wortbälle zuwerfen, laut und leise singen, fast schreien und das gesprochene Wort in virtuoser Dynamik lebendig machen! Es, doch, gab schon schlechtere Songs auf diesem Planeten, glaube ich, sicher.
Am schönsten jedoch ist, nein, nicht "Schnauze, Puppe!" (doch!), sondern das 5-teilige, sich anschließende "ETANOSRU EUTONARS", das erhebliche avantgardistische Tendenzen zeigt und in seiner genialen Nonsensradikalität partiell fast als Avantrock durchgehen könnte. Schön, dass diese Wucht nicht ausgespart wurde.
Pago Libre, hier, in der personellen "extended version" mit Agnes Heginger (Gesang, Ratsche) (die Dame ist ein Gedicht, was sie singt, wie es tut, ihr Stimmumfang, ihre Stimmklarheit und die Leichtigkeit ihrer melodischen Intonation!), Patrice Héral (Schlagzeug, Stimme, Ratsche) - diese beiden sind das "Sextett", jetzt kommt Pago Libre: Tscho Theissing (Violine, Stimme, Ratsche), Arkady Shikloper (Horn, Flügelhorn, Alphorn, Stimme, Ratsche), John Wolf Brennan (Klavier, Stimme, Ratsche) und Georg Breinschmid (Kontrabass, Stimme, Ratsche) (Ratsche?) ist ein sensibles Künstlerquar(sex)tett mit viel Sinn für absurde Poesie & Klänge, für verspielt zielgenauen Humor, der aus seinem, nun ja, doch, historisch gewordenen, gar und ganz nicht musealen und immer noch und wieder modern und übermorgendlich klingenden Dadaismus lebt und die vitale Musik zu exquisit schrägen Höchstleistungen antreibt. Nichts ist wild dahin geschmettert, diese Crew ist technisch erlesen, detailverliebt und in ihrem Tun höchstbegabt - allein die Damenstimme, in ihrer Klarheit, tonalen Exaktheit und dem dynamischem Feuer, na ja, das hatte ich schon.
Eine große Lust, der verspielten, begnadeten, aus instrumentaler Akkuratesse erwachsenen, deftigen, sensibel rohen, einfühlend krassen und stets ohne sentimentale Süße oder einschmeichelnde Düseligkeit auskommenden Musik zuhören zu dürfen und die sämtlichen Sinne genießerisch baumeln zu lassen. 24 Tracks, die nicht da wären, hätte es Pago Libre, das Klo, das Wo, Kapern, Wien, Zugluft und die Welt niemals gegeben. Und das Brabitschek.
Ach, kann nix mehr sagen. Wunderbare Klangkunst zum gar und ganz darein sich zu verlieben ohne Zuletzt und Rest. Schon 'ne Lieblingsband? Anmachen. Nicht mehr ausmachen. Zuhören, staunen, rühren. Weiterleben.“
(Volkmar Mantei, ragazzi - Website für erregende Musik, 11-09, www.ragazzi-music.de)
HANS ARP (1887-1966) betätigte sich zeit seines Lebens gleichermaßen literarisch wie als bildender Künstler. 1916 war er in Zürich einer der Mitbegründer des Cabaret Voltaire und damit der gesamten dadaistischen Bewegung; seine Texte gehen aber in ihrer magischen Tiefe weit über das heute an Dada so beliebte Aktionistisch-Humoristische hinaus.
Weiter nördlich, in Hannover, entwickelte gleichzeitig der Werbetexter und Universalkünstler KURT SCHWITTERS (1887-1948) seine eigene, dem Dadaismus verwandte "Merzkunst". Ende der 20er-Jahre schrieb er seine "Sonate in Urlauten", deren präzis gesetzter repetitiver Rhythmus heute noch zu verzaubern weiß. Schwitters war übrigens mit Arp eng befreundet.
Noch weiter nördlich, in St. Petersburg, machte sich DANIIL CHARMS (1905-1942) mit seiner raben-schwarzen Mischung aus Sprachwitz, Slapstick, absurden Szenen und makabrem Humor schon bald bei der Obrigkeit verdächtig. Er landete deshalb auch immer wieder im Gefängnis, wo er während der 900tägigen Nazi-Belagerung der Stadt einsam verhungerte.